Der Symbolismus ist die Erkenntnis der ontologischen Entsprechung zwischen einer gegebenen Realität — meist natürlich oder zumindest zugänglich (Wasser, ein Baum, ein Vogel, die Zahl Zwei, ein Kreuz usw.) — und einer anderen Realität, die uns übersteigt.
Diese Entsprechung gründet im Band, das alle Seinszustände durchzieht: körperlich, psychisch und spirituell.
In der Praxis führen Symbole durch ihre anagogische Kraft — sei es betrachtet oder rituell dargestellt — zu höheren Erkenntniszuständen.
Genauer gesagt
Der Symbolismus ist der Akt, durch den der Geist in den sinnlichen Wirklichkeiten die „Signaturen“ der unsichtbaren Welt erkennt.
Er ist keine subjektive Projektion, sondern eine objektive Lektüre der Wirklichkeit, da die Entsprechung zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem aus der Analogie des Seins hervorgeht: alles nimmt an einem einzigen Prinzip teil.
Der Symbolismus entspringt daher der Struktur der Wirklichkeit selbst, verstanden als Gefüge vertikaler und horizontaler Beziehungen, wobei jede Ebene die anderen analog widerspiegelt.
Die Welt ist somit nicht einfach eine Ansammlung von Objekten, sondern ein Buch, dessen Symbole Buchstaben und Sätze bilden und den Geist zur spirituellen Dimension öffnen.
Man kann sagen, dass der Symbolismus zugleich:
— kosmologisch (die Welt ist Symbol);
— psychologisch (das Bewusstsein ist symbolisch strukturiert);
— metaphysisch (das Symbol verweist auf seinen Archetypus).
Der Symbolismus überschreitet daher jede ästhetische oder bloß kulturelle Annäherung: er betrifft vor allem das Sein, seine Struktur und die Teilhabe der Geschöpfe an ihrem Urbild.
Zum Weiterlesen
- Platon, Timaios; Phaidros — Kosmos und anagogische Bilder.
- Hermes Trismegistos, Corpus Hermeticum — universale Entsprechungen.
- Ps.-Dionysius, Himmlische Hierarchie — liturgischer und theophanischer Symbolismus.
- Thomas von Aquin, Summa Theologiae — Analogie des Seins.
- Meister Eckhart, Predigten — Symbolismus und Gottesgeburt in der Seele.
- Jakob Böhme, Mysterium Magnum — Signaturen der Welt.
- Goethe, Farbenlehre — das Phänomen als Symbol.
- Jean Borella, Symbolisme et réalité / La crise du symbolisme religieux / Histoire et théorie du symbole — ontologische Grundlagen; Anagogik.
- Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? — Symbolismus und Teilhabe.
- Henry Corbin, Das Paradox des Monotheismus — imaginär und symbolisch.
- Mircea Eliade, Geschichte der religiösen Ideen — Strukturen des symbolischen Heiligen.