„Mysterium“ bedeutet hier nicht Geheimnis, ungelöste Frage, Intrige oder Rätsel (wie in der Fiktion).
In der Philosophie bezeichnet „Mysterium“ einen Begriff, der das gewöhnliche menschliche Verstehen übersteigt und einen tieferen, intuitiven Zugang erfordert.
Im spirituellen oder religiösen Zusammenhang verweist „Mysterium“ auf eine göttliche Wahrheit oder Realität.
Sobald man durch direkte Intuition Zugang dazu erhält, ist es nicht unverständlich, sondern relativ unaussprechlich — schwer zu vermitteln, wenn der andere nicht dieselbe Intuition verwirklicht hat — jenseits des rein Begrifflichen: des Intelligiblen.
Genauer gesagt
Das Mysterium verweist nicht auf das grundsätzlich Unerkennbare,
sondern auf eine Erkenntnisweise, die über das diskursive Denken hinausgeht.
Das Geheimnisvolle ist über-intelligibel: dem Intellekt (im metaphysischen Sinn) zugänglich,
aber nicht vollständig auf Begriffe reduzierbar.
Sein „Unaussprechliches“ rührt nicht aus einer Unzulänglichkeit des Mysteriums,
sondern aus der Begrenzung der Sprache,
die über-rationale Wirklichkeiten nur analog ausdrücken kann.
Das Mysterium ist nicht absurd: es ist überbegrifflich.
In der christlichen Tradition ist das Mysterium eine göttliche Realität,
an der der Mensch durch Gnade teilhaben kann: Dreifaltigkeit, Inkarnation, Eucharistie…
Man empfängt einen realen Kontakt, doch die begriffliche Darstellung kann nur eine teilweise, symbolische und analoge Formulierung liefern.
Für Dionysius Areopagita überschreitet Gott jede Bejahung wie jede Verneinung:
Theologie ist zugleich kataphatisch (bejahend) und apophatisch (verneinend).
Das Mysterium kann nur durch eine unitäre Erkenntnis erfasst werden,
jenseits der Subjekt–Objekt–Spaltung.
Das Mysterium unterscheidet sich daher:
— vom Rätsel, das gelöst werden kann,
— vom Geheimnis, das enthüllt werden kann,
— von der Unwissenheit, die behoben werden kann.
Das Mysterium ist das, was, indem es sich offenbart,
den Geist übersteigt, während es ihn zugleich erleuchtet.
Die Erkenntnis des Mysteriums ist eine Erfahrung:
sie setzt Innerlichkeit und Wandlung voraus.
Sie ist außerdem partizipativ:
Ein Mysterium zu erkennen bedeutet, in Gemeinschaft mit einer Realität zu treten, die uns überragt.
Weiterführende Literatur
- Platon, Symposium; Phaidon — Über den Zugang zu intelligiblen und über-diskursiven Wirklichkeiten.
- Dionysius Areopagita, Mystische Theologie — Grundlegung des apophatischen Zugangs zum Mysterium.
- Thomas von Aquin, Summa Theologiae, Ia, qq. 1–13 — Über das Verhältnis von Vernunft, Offenbarung und Mysterium.
- Pascal, Pensées — Über das Missverhältnis zwischen Gott und Mensch und die Erkenntnis durch das Herz.
- Jean Borella, Liebe und Wahrheit (Paris, L’Harmattan, 2011) — Über das Symbol als Zugang zum Geheimnisvollen.
- Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? (Amazon.de)
— fr. Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2022)
— en. Metaphysics for Everyone
— it. Sui sentieri della metafisica
— es. ¿Qué es la metafísica?
Über Mysterium, intellektuelle Intuition und über-diskursive Erkenntnis.