Der Moment, in dem die Intelligenz von der Potenz zum Akt übergeht, kann weder erworben noch gelehrt noch bewiesen werden: er ist intuitiv, unmittelbar, nicht-herstellbar. Auf den ersten Blick kann man sagen, dass nur das Widerspruchsfreie intelligibel sei (ein Quadrat-Kreis kann nicht intellegiert werden); doch dies ist lediglich die äußerliche Bedingung der Intellektion.

Der Akt der Intellektion besteht in der Erfassung der Essenz in ihrer Soseinheit (ainsité), das heißt in ihrer eigentümlichen Natur, ihrem Inhalt als solchem. Es handelt sich um einen intuitiven und synthetischen Akt der Kontemplation, in dem sich die Essenz als Sinn offenbart und das Sosein als Bedeutung.

Die intrinsische Intelligibilität ist somit das, was für die Intelligenz „Sinn macht“, was in ihr eine semantische Resonanz weckt, was ihr „etwas sagt“, was „zu ihr spricht“ (Borella).


Genauer gesagt

Intelligibel ist, was durch die Intelligenz erkannt werden kann, das heißt was als Sinn erfasst wird. Es ist nicht das von den Sinnen Wahrgenommene, sondern das, was das Sinnliche der Intelligenz offenbart: die Essenz, die Form, das „Was-es-ist“.

Intelligibilität bezeichnet daher nicht primär eine äußere Eigenschaft der Dinge, sondern die innere Angemessenheit zwischen Intelligenz und ihrem Objekt: intelligibel ist, was der Intelligenz als Einheit von Bedeutung entspricht.

Die Sinn-Erfassung bildet den eigentlichen Akt der Intelligenz. Die Essenz wird als intelligible Einheit empfangen, unmittelbar wiedererkannt, weil die Intelligenz sich in ihr wiederfindet. Wahrheit erscheint als eine Mit-Geburt, als innige Übereinstimmung zwischen dem erkennenden Subjekt und dem intelligiblen Objekt.

Dieser direkte Kontakt mit der Essenz begründet die Ordnung des Begriffs und erst in zweiter Linie die des Diskurses. Die Intelligenz ist daher nicht primär ein Vermögen des Schlussfolgerns, sondern ein Vermögen des Schauens, eine Teilhabe am Logos, dem Prinzip der Intelligibilität.

Das Intelligible lässt sich also nicht auf logische Kohärenz oder Nicht-Widerspruch reduzieren: es bezeichnet die als Sinn offenbarte Essenz — dasjenige, was sich der Intelligenz als Wahrheit zeigt.


Weiterführende Literatur

  • Platon, Politeia, Phaidros, Parmenides — Zur Unterscheidung zwischen Sinnlichem und Intelligiblem.
  • Aristoteles, De Anima III — Zur Aufnahme der Form ohne Materie.
  • Plotin, Enneaden — Zum Nous als Welt der intelligiblen Formen.
  • Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I, q. 79–84 — Zum intellektuellen Akt und zum Übergang von Potenz zu Akt.
  • Meister Eckhart, Predigten, Hrsg. A. de Libera — Zur Intellektion als Geburt des Wortes in der Seele.
  • Étienne Gilson, Le réalisme méthodique — Zur Erfassung der Essenz durch den Intellekt.
  • Jean Borella, Lumières de la théologie mystique (L’Âge d’Homme, 2002) — Über intellektuelle Intuition, semantische Resonanz und intrinsische Intelligibilität.
  • Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? (Amazon.de); Übers. von Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2022); En. Metaphysics for Everyone ; It. Sui sentieri della metafisica ; Sp. ¿Qué es la metafísica? — Zur Unterscheidung Sinnlich/Intelligibel, zur Intellektion und zum Sosein als Sinn.