Mythos bezeichnet Mythen, die tiefe symbolische Wahrheiten ausdrücken und ein intuitives Verständnis der Welt vermitteln.
Er steht im Gegensatz zum Logos, insofern dieser auf Vernunft und diskursives Denken im Rahmen der Logik reduziert wird.
Siehe den Artikel: „Vernunft und Intelligenz, die zwei Seiten des Geistes“.
Genauer gesagt
Der Mythos ist keine „Lügengeschichte“ und auch keine bloß imaginäre Erzählung.
Er stellt eine symbolische Erkenntnisweise dar, die dem rationalen Diskurs vorausgeht.
In narrativer Form vermittelt er metaphysische, kosmologische und anthropologische Wahrheiten, die das begriffliche Denken übersteigen.
Durch Symbolik vermittelt der Mythos zwischen der sinnlichen Welt und den unsichtbaren Wirklichkeiten.
Er will weniger erklären als offenbaren:
Er enthüllt die Ordnung der Welt, ihre Prinzipien, ihren Ursprung und ihr Ziel.
Durch Bilder und Erzählungen macht er Wirklichkeiten intelligibel, die sich nicht auf doktrinäre Abstraktion reduzieren lassen.
In der traditionellen Sicht ist der Mythos wahr:
— nicht, weil er historische Fakten berichtet,
— sondern weil er das Wesentliche in symbolischer Form ausdrückt.
Er gehört zur symbolischen Intelligenz, die die Einheit des Sinnes in der Vielfalt der Figuren erfasst.
Sein Gegensatz zum Logos gilt nur, wenn dieser auf die diskursive Vernunft beschränkt wird.
In seinem ursprünglichen griechisch-christlichen Sinn ist der Logos das Prinzip der Intelligibilität und Offenbarung, völlig kompatibel mit dem Mythos und sogar dessen Fundament.
Der moderne Rationalismus hat sie voneinander getrennt.
Der Mythos ist keineswegs naiv oder irrational;
er ermöglicht eine unitäre Erkenntnis, in der das Subjekt an der empfangenen Wahrheit teilhat.
Er ist kein archaischer Rest, sondern eine grundlegende Dimension des menschlichen Bewusstseins.
Weiterführende Literatur
- Hesiod, Theogonie — Griechische Kosmogonie und Struktur des Göttlichen.
- Platon, Phaidon; Symposion; Politeia (Mythos von Er) — Philosophischer Gebrauch des Mythos als Träger von Wahrheit.
- Aristoteles, Poetik — Über den mythos als organisierendes Prinzip des narrativen Sinns.
- Plotin, Enneaden — Symbolische Deutung göttlicher Erzählungen.
- Thomas von Aquin, Summa Theologiae — Verhältnis von Logos und symbolischen Formen.
- Mircea Eliade, Aspekte des Mythos — Der Mythos als Ausdruck des Heiligen.
- Paul Ricœur, Das Symbol gibt zu denken; Die Symbolik des Bösen — Mythos und Symbol als Sprachen des Sinns.
- Jean Borella, La crise du symbolisme religieux, Paris, L’Harmattan, 2008 — Über symbolische Funktion und Bedeutung des Mythos.
- Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? (Amazon.de);
— fr. Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2022)
— en. Metaphysics for Everyone
— it. Sui sentieri della metafisica
— es. ¿Qué es la metafísica?
Über das Verhältnis von Mythos, Symbol, Intelligenz und die Komplementarität von mythos / logos.