Bei Meister Eckhart bezeichnet der Ausdruck Gottheit (frz. Déité, zu unterscheiden von «Divinität») das „Jenseits Gottes“, das Vor-Göttliche, insofern Gott als causa sui ausgesprochen wird. Während Gott (Gott) bereits Bestimmung meint — Beziehung, Manifestation, Gabe — ist die Gottheit (Gottheit) das unbestimmte Absolute, namenlos, ohne Form, ohne Beziehung.
Gott kann noch ausgesprochen werden; die Gottheit ist unsagbar, jenseits jedes Seins, Begriffs oder Prädikats.
Genauer gesagt
ist die Gottheit der „grundlose Grund“ (Abgrunt), die schweigende Wüste, in der sich keine Bestimmung fassen lässt. Sie ist nicht eine zusätzliche höhere Hypostase über Gott, sondern die Un-Bedingung von allem, was ist — vor dem, dass Gott „Gott“ ist. Von der Gottheit lässt sich nur sagen, dass sie nichts von dem ist, was gedacht werden kann; nicht das Nichts, sondern jenseits des Seins (hyper-ontologisch), im Sinn der apophatischen Theologie.
Daher ist zu unterscheiden:
— Gott (Gott): personal, relational, Schöpfer, Wort, das sich offenbart und mitteilt;
— Gottheit (Gottheit): unsagbare Tiefe, vor jedem Namen, reine Unbestimmtheit.
Die Gottheit ist nicht räumlich „über“ Gott, sondern metaphysisch: Sie ist der Ursprung, aus dem der sich offenbarende Gott hervorgeht. Gott geht aus der Gottheit hervor als Bestimmung und Ausdruck, ohne Trennung — wie der Gipfel einer Bergspitze Ausdruck ihrer verborgenen Tiefe ist.
Diese Unterscheidung führt nicht zu zwei Absoluten, sondern zu zwei Weisen der Auffassung desselben einen Prinzips:
— als manifest und relational (Gott),
— als unmanifest, apophatisches Absolutes (Gottheit).
In apophatischen Begriffen kann man sagen: Die Gottheit ist das, was Gott in seiner eigenen Tiefe ist, vor jedem Namen. Die hyper-theologische Formel „Gott über Gott“ (Hypertheos) bezeichnet diese Transzendenz jenseits aller Bestimmung.
Mystisch gesprochen führt die Begegnung mit Gott-als-Manifestation schließlich zur Erfahrung der Gottheit als Schweigen — Nicht-Wissen, radikale Entäußerung aller Prädikate. Das wahre Erkennen der Gottheit ist keine begriffliche Theorie, sondern Teilnahme: eine Art ontologische Einwohnung.
Weiterführende Literatur
- Meister Eckhart, Predigten und Traktate, Hrsg. A. de Libera, Gallimard, 2023 — Zur Unterscheidung Gott / Gottheit und zur „namenlosen Deität“.
- Meister Eckhart, Sermon 52 (Liber Benedictus), in Werke, Stuttgart, Kohlhammer — Zum Thema des Abgrunt („grundloser Grund“).
- Ps.-Dionysius Areopagita, De divinis nominibus und Theologia mystica, Übers. M. de Gandillac, Aubier, 1943 — Zum hyper-ontologischen Jenseits des Seins.
- Nikolaus von Kues, De docta ignorantia, Hrsg. H. Pasqua, Cerf, 2009 — Zur principialen Unbestimmtheit jenseits des Seins.
- Jean Borella, Problèmes de gnose, Paris, L’Harmattan, 2007 — Zur strukturellen Unterscheidung Gott / Gottheit und ihren metaphysischen und mystischen Konsequenzen.
- S. H. Nasr, Knowledge and the Sacred, SUNY Press, 1989 — Zum transzendenten Prinzip jenseits des Seins (Hypertheos).
- Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? (Amazon.de); Übers. von Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2022); en. Metaphysics for Everyone ; it. Sui sentieri della metafisica ; es. ¿Qué es la metafísica? — Zur Unterscheidung zwischen Gott und Gottheit, zur hyper-theologischen Dimension und zur vertikalen Struktur der Transzendenz jenseits aller Bestimmung.