Die Hermeneutik ist die Wissenschaft oder Kunst der Auslegung. Der altgriechische Begriff hermēneutikós bedeutet „auslegen“ oder „erklären“ und wurde oft mit dem Gott Hermes in Verbindung gebracht, dem Boten der Götter wie auch dem Mittler von Bedeutungen — dem archetypischen Übersetzer göttlicher Botschaften.
Spezifischer
Ursprünglich bezog sich die Hermeneutik vor allem auf die Auslegung heiliger Texte, insbesondere in der jüdisch-christlichen Tradition, wo die Schrift nach mehreren Sinndimensionen gelesen wurde: wörtlich, moralisch, allegorisch, anagogisch. Im Mittelalter und in der Renaissance weitete sich ihr Anwendungsbereich auf die Auslegung juristischer und literarischer Texte aus; in der Neuzeit wurde sie zu einer philosophischen Disziplin, die nicht nur Texte, sondern den Auslegungsprozess selbst thematisiert (vgl. Schleiermacher).
Im 20. Jahrhundert erweitert sich die Hermeneutik nochmals: Sie bezieht sich nicht mehr nur auf Texte, sondern auf das gesamte Feld des menschlichen Verstehens. Mit Heidegger wird Verstehen nicht als sekundäre Tätigkeit betrachtet, sondern als der grundlegende Seinsmodus des Menschen — ein verstehendes In-der-Welt-Sein. Hermeneutik wird damit ontologisch.
In dieser Linie entwickelt Gadamer eine philosophische Hermeneutik, in der Verstehen als Dialog gefasst wird: ein Prozess der Horizontverschmelzung zwischen Interpret, Tradition und geschichtlicher Umgrenzung. Verstehen ist nie rein objektiv; es ist das Ergebnis einer lebendigen Begegnung.
Man kann unterscheiden:
— Hermeneutik als Methode (Textauslegung)
— Hermeneutik als philosophische Reflexion über die Bedingungen des Verstehens
— Hermeneutik als existenzielle Struktur (der Mensch ist ein interpretierendes Wesen)
Über den Text hinaus betrifft die Hermeneutik alle Formen der Sinnbildung: Sprache, Kultur, Geschichte, Symbole, Kunst, religiöse Erfahrung, menschliche Existenz. Im Kern stellt sie die Frage: Was heißt es zu verstehen?
Weiterführende Literatur
- Aristoteles, De interpretatione — Zu Sprache, Bedeutung und Auslegung.
- Origenes, Homilien über die Schrift — Zur Pluralität der Schriftsinne.
- F. Schleiermacher, Hermeneutik (Vrin, 2000) — Zur Hermeneutik als Kunst des Verstehens; Methode, Intention, Ganzheit.
- W. Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften — Hermeneutik als Grundlage der Geisteswissenschaften; Leben, Geschichtlichkeit.
- M. Heidegger, Sein und Zeit — Hermeneutik als ontologische Struktur des Daseins; Verstehen, In-der-Welt-Sein.
- H.-G. Gadamer, Wahrheit und Methode — Verstehen als Dialog, Horizontverschmelzung, Tradition, Vorverständnis.
- Paul Ricœur, Der Konflikt der Interpretationen — Dialektik von Symbol, Text, Subjektivität, Welt.
- Jean Borella, diverse Schriften — Zur symbolischen Hermeneutik, sakramentalen Intelligenz und religiösen Deutung.
- Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? (Amazon.de); Übers. von Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2022); Eng. Metaphysics for Everyone ; Ital. Sui sentieri della metafisica ; Spa. ¿Qué es la metafísica? — Zur heiligen Hermeneutik, symbolischen Intelligenz und geistigen Struktur der Interpretation.