Das Übernatürliche bezeichnet, was jenseits der Natur liegt, d. h. was nicht den Gesetzen unterworfen ist, die gemäß den Normen der Wissenschaft oder der rationalen Erkenntnis die natürliche Welt regieren. Es kann sich daher auf religiöse Offenbarungen, Wunder, mystische Erfahrungen oder auch auf bestimmte sogenannte paranormale Phänomene beziehen.
Hier ist übernatürlich gleichbedeutend mit metaphysisch: Was jenseits der Natur ist, ist auch das, was jenseits der physischen Welt liegt.
Der erste Begriff trägt eher eine religiöse Konnotation, während der zweite vor allem philosophisch ist.
Genauer gesagt
In der christlichen Tradition (insbesondere der mittelalterlichen und thomistischen) bezeichnet das Übernatürliche, was die eigenen Kräfte der geschaffenen Natur radikal übersteigt: Es ist die Ordnung der Gnade, der seligen Anschauung, der Vergöttlichung.
Es handelt sich nicht um eine Fortsetzung der Natur, sondern um eine eigenständige Ordnung, die auf einer völlig unverdienten Gabe Gottes beruht.
Dagegen fallen außergewöhnliche Phänomene, die noch zur geschaffenen Ordnung gehören — Telepathie, psychische Fähigkeiten, operative Magie — unter das Präter- oder Vorübernatürliche: was die gewöhnliche menschliche Natur übersteigt, ohne den geschaffenen Bereich zu überschreiten.
Man kann daher unterscheiden:
— das Natürliche: die geschaffene Ordnung, die Vernunft und Erfahrung zugänglich ist;
— das Präter- / Vorübernatürliche: außergewöhnliche Kräfte oder Phänomene, die noch zur Schöpfung gehören;
— das Übernatürliche: die ungeschaffene Ordnung Gottes, der Gnade und der Vision.
In einem weiteren (nicht-thomistischen) Sinn bezeichnet übernatürlich einfach das, was nicht auf physikalische Gesetze oder rationale Kategorien reduzierbar ist — das heißt die metaphysische Ordnung von Sinn, Prinzip und Absolutem.
Man spricht dann vom Übernatürlichen als der transzendenten Dimension der Wirklichkeit, wie sie in religiösen Symbolen, Riten und Lehren Ausdruck findet.
Zum Weiterlesen
- Thomas von Aquin, Summa Theologiae — Unterscheidung zwischen natürlich, präter- / vorübernatürlich und übernatürlich; Lehre von der Gnade und der seligen Anschauung.
- Jean Borella, Der Sinn des Übernatürlichen — Verbindung des Übernatürlichen mit der Metaphysik und dem Heiligen.
- Henri de Lubac, Surnaturel — Debatten über den Status des Übernatürlichen in der christlichen Theologie.
- Ps.-Dionysius, Göttliche Namen; Himmlische Hierarchie — die über-natürliche Ordnung und Teilnahme an den göttlichen Energien.
- Nikolaus von Kues, De visione Dei — Überschreitung des Erkennbaren und übernatürliche Schau.