Die Parusie (vom griechischen parousía, „Gegenwart“, „Ankunft“, „Kommen“) bezeichnet im Christentum die glorreiche Wiederkunft Christi am Ende der Geschichte. Sie gehört zu den grundlegenden Glaubensartikeln des Christentums: Nach seiner Himmelfahrt wird Christus wiederkommen, um sein Heilswerk endgültig zu vollenden, die Lebenden und die Toten zu richten und die volle Offenbarung des Reiches Gottes einzuleiten.

Insbesondere

Im klassischen Griechisch bezeichnete parousía zunächst die Anwesenheit oder Ankunft einer Person, insbesondere die eines Herrschers. Das Neue Testament übernimmt diesen Begriff, um die endgültige Wiederkunft Christi in Herrlichkeit zu bezeichnen. Diese Erwartung durchzieht die gesamte apostolische Literatur und bildet einen wesentlichen Bestandteil der frühchristlichen Hoffnung.

Die Evangelien stellen die Parusie als ein zugleich gewisses und unvorhersehbares Ereignis dar. Christus kündigt seine Wiederkunft an, betont jedoch zugleich, dass niemand Tag noch Stunde kennt. Diese Spannung zwischen der Gewissheit des Ereignisses und der Unkenntnis seines Zeitpunktes hat die christliche Spiritualität tief geprägt und die Gläubigen zu ständiger Wachsamkeit aufgerufen.

Die Parusie darf nicht als bloßes kosmisches oder historisches Ereignis unter vielen verstanden werden. Sie entspricht vielmehr der Vollendung der Geschichte selbst. Die Zeit der Kirche, die mit der Auferstehung und Pfingsten begonnen hat, ist auf diese endgültige Offenbarung hin ausgerichtet, in der alles in Christus zusammengefasst werden wird.

In der christlichen Theologie ist die Parusie eng mit der Auferstehung der Toten, dem Jüngsten Gericht und der Verwandlung der Schöpfung verbunden. Die Wiederkunft Christi bedeutet den endgültigen Sieg über das Böse, den Tod und die Sünde. Sie stellt keine bloße Zerstörung der Welt dar, sondern deren Erneuerung und Vollendung gemäß dem göttlichen Heilsplan.

Die Kirchenväter haben häufig sowohl den geschichtlichen als auch den transzendenten Charakter dieses Ereignisses hervorgehoben. Die Parusie ist nicht lediglich die letzte Phase der irdischen Chronologie; sie führt die Schöpfung in eine neue Seinsweise ein, in der Gott „alles in allem“ sein wird (1 Kor 15,28).

Aus metaphysischer Sicht kann die Parusie als die volle Offenbarung des Prinzips in seinem Werk verstanden werden. Was in der Zeit verhüllt bleibt, wird dann in seiner letzten Wahrheit erscheinen. Die geschaffene Welt wird ihren Sinn, ihre Bestimmung und ihre Beziehung zu Gott vollständig offenbaren. Die Geschichte wird nicht einfach beendet, sondern zu ihrer Erfüllung gebracht.

Der Begriff der Parusie beschränkt sich jedoch nicht auf eine zukünftige Erwartung. Zahlreiche geistliche Autoren betonen, dass Christus bereits gegenwärtig ist: im Herzen der Kirche, in den Sakramenten, im Gebet und im inneren Leben. Die endgültige Parusie wird durch diese gegenwärtige, verborgene, aber wirkliche Gegenwart vorbereitet. Die christliche Hoffnung verbindet somit die Erwartung der Wiederkunft Christi mit der Erfahrung seiner bereits geschenkten Gegenwart.

Diese Lehre unterscheidet das Christentum grundlegend von zyklischen Zeitvorstellungen. Während viele traditionelle Kosmologien eine Wiederholung von Zyklen annehmen, bekräftigt die Parusie die Ausrichtung der Geschichte auf eine einzigartige und endgültige Vollendung. Sie bringt die eschatologische Dimension des christlichen Glaubens und seine Öffnung auf eine Fülle zum Ausdruck, die die Ordnung der Zeit übersteigt.

Weiterführende Literatur

  • Evangelium nach Matthäus, Kapitel 24–25;
  • Evangelium nach Markus, Kapitel 13;
  • Erster Brief an die Thessalonicher, Kapitel 4–5;
  • Erster Brief an die Korinther, Kapitel 15;
  • Offenbarung des Johannes;
  • Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien;
  • Augustinus, Der Gottesstaat (De civitate Dei);
  • Thomas von Aquin, Summa Theologiae, Supplementum, qq. 73–91;
  • Papst Benedikt XVI., Eschatologie. Tod und ewiges Leben;
  • Jean Borella, Die entweihte Liebe (La charité profanée);
  • Jean Borella, Liebe und Wahrheit (Amour et vérité);
  • Bruno Bérard, Was ist Theologie ?;
  • Bruno Bérard, Das geistliche Leben;
  • Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? Zwischen Ambition und Wirklichkeit (dt. Übers. von Métaphysique pour tous, Paris, L’Harmattan, 2021; engl. Übers. Metaphysics for Everyone; ital. Übers. Sui sentieri della metafisica; span. Übers. ¿Qué es la metafísica?).

Anmerkung: In einigen zeitgenössischen Strömungen wird der Begriff „Parusie“ bisweilen in einem symbolischen oder verinnerlichten Sinn verwendet, um das Kommen Christi in der Seele zu bezeichnen. Auch wenn eine solche Deutung einen echten geistlichen Wert besitzt, hält die traditionelle christliche Lehre dennoch an der Wirklichkeit einer zukünftigen, universalen und objektiven Parusie fest, die mit der eschatologischen Vollendung der Schöpfung verbunden ist.