Dieser Begriff des Hinduismus ist komplex.
Meist wird er als „kosmische Illusion“ wiedergegeben, doch bezeichnet Māyā ebenso das „göttliche Spiel“, die „universale Möglichkeit“ und die śakti (Kraft) von Brahman (dem Absoluten).
Genauer gesagt
Der Sanskritbegriff Māyā stammt von der Wurzel mā- („messen, begrenzen, formen“) und bezeichnet eine Kraft der Bestimmung, die dem Möglichen Form verleiht.
Er bezeichnet die Macht, durch die das Absolute (Brahman) sich in einer Vielheit von Zuständen, Formen und Welten manifestiert.
Im Advaita-Vedānta, besonders bei Śaṅkara, wird Māyā als kosmische Illusionskraft (avidyā) verstanden:
Sie lässt die phänomenale Welt als in sich wirklich erscheinen, während sie nur eine relative Wirklichkeit besitzt.
Sie verschleiert die nicht-duale Natur Brahmans und erzeugt die Dualität von Subjekt/Objekt, die Vielheit, Zeit und Raum.
Dabei ist Māyā kein „Nichts“:
Sie ist wirklich als manifestierende Kraft, aber unwirklich insofern, als sie keine unabhängige Existenz besitzt.
Ihr ontologischer Status ist daher intermediär (weder absolut wirklich noch absolut unwirklich).
Māyā gilt auch als śakti, die Kraft Brahmans; daher als weibliches, schöpferisches Prinzip.
In Śākta– und tantrischen Strömungen wird diese Dimension zentral:
Die Manifestation ist nicht nur Illusion, sondern göttliches Spiel (līlā), Ausdruck der unendlichen Freiheit des Absoluten.
In manchen Interpretationen ist Māyā die universale Möglichkeit:
die Gesamtheit der in der Unendlichkeit enthaltenen Manifestationsmöglichkeiten.
Sie entspricht dem prinzipiellen Aspekt des Werdens, durch den jede bedingte Wirklichkeit möglich wird.
Aus metaphysischer Sicht lässt sich Māyā daher nicht auf Illusion reduzieren.
Sie ist der manifestierende Akt des Realen, zugleich aber dasjenige, durch das das Reale für jene verschleiert bleibt, die sich mit der phänomenalen Welt identifizieren.
Sie ist zugleich Schleier und Matrix, Begrenzung und Möglichkeit, Prinzip der Relativität und der Manifestation.
Weiterführende Literatur
- Upaniṣaden (bes. Śvetāśvatara Up.) — Früheste Schriftquellen des Begriffs.
- Śaṅkara (Śaṃkarācārya), Kommentare zur Bhagavad-Gītā und zu den Brahma-Sūtra — Nichtduale Lehre von Māyā–avidyā.
- Gauḍapāda, Māṇḍūkya-kārikā — Über Nichtdualität und den illusorischen Charakter des Werdens.
- Rāmānuja, Śrī-Bhāṣya — Viṣṇuitische Interpretation: Verhältnis von Māyā, Manifestation und Gnade.
- Abhinavagupta — Tantrische / Śaiva-Sicht auf Māyā-śakti.
- A.K. Coomaraswamy, Essays — Über Māyā als universale Möglichkeit und Form.
- René Guénon, Der Mensch und sein Werden nach dem Vedānta — Synthese der shankarischen Lehre.