Element, aus dem ein Ding besteht, bestimmt durch die Form.

Es handelt sich hier um einen Begriff der Philosophie, vor allem in der aristotelischen Tradition.
Materie bezeichnet das physische oder materielle Substrat, das ein Seiendes insofern bildet, als es potenziell etwas ist, während die Form dasjenige ist, was diese Materie definiert und aktualisiert.

Die Erstmaterie (materia prima) ist Materie ohne jede Form — pure Potentialität.
Sie kann nicht für sich allein existieren und muss mit der Form (forma) verbunden sein, um ein konkretes Seiendes zu konstituieren.


Genauer gesagt

In der aristotelisch–thomistischen Tradition besteht jedes zusammengesetzte Seiende aus zwei untrennbaren Prinzipien:
Materie (principium materiale),
Form (principium formale).

Die Materie ist das Prinzip der Empfänglichkeit und Unbestimmtheit.
Sie wirkt nicht aus sich selbst; sie ist dasjenige, wodurch ein Ding werden kann, was es werden soll.
Die Form hingegen aktualisiert und bestimmt — sie ist dasjenige, kraft dessen ein Ding das ist, was es ist.

Die Erstmaterie (pure potentia) hat weder Qualität noch Quantität noch Gestalt.
Sie begegnet uns niemals in der Erfahrung, da sie nie von der Form getrennt vorkommt:
Sie ist ein metaphysisches Prinzip, das nötig ist, um Veränderung (Übergang von Potenz zu Akt) zu erklären.

Man unterscheidet die zweite Materie: Erstmaterie, die bereits durch eine substantielle Form bestimmt ist und weitere akzidentelle Formen aufnehmen kann.

Nach Thomas von Aquin ist die Materie das Prinzip der Individuation (dieses Seiende statt jenes), während die Form das Prinzip der Intelligibilität darstellt.

Im Neuplatonismus, insbesondere bei Plotin, entspricht die Materie dem untersten Grad der Emanation, verstanden als äußerste Minderung des Seins.

In der christlichen Perspektive ist Materie von Gott geschaffen; sie ist deshalb an sich gut, wenngleich der Kontingenz unterworfen.
Sie kann ein Ort der Offenbarung und Verklärung sein.

Ontologisch hat die Form Vorrang vor der Materie:
die Form ist intelligibler Akt, während die Materie passive Potenz ist.


Weiterführende Literatur

  • Aristoteles, Physik, II–III — Über Materie als Subjekt der Veränderung und Prinzip der Potenzialität.
  • Aristoteles, Metaphysik, Z–Θ — Darstellung der Materie–Form–Unterscheidung.
  • Plotin, Enneaden, II.4–5; III.6; I.8 — Über Materie als Entbehrung des Seins und unterste Stufe der Emanation.
  • Thomas von Aquin, Summa Theologiae, Ia, qq. 3–15;
    Thomas von Aquin, De ente et essentia — Über die hylemorphe Zusammensetzung, Wesen/Existenz und Individuation.
  • Ps.-Dionysius Areopagita, Himmlische Hierarchie, III–V — Über die Prozession der Seinsgrade und formale Vermittlung.
  • Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? (Amazon.de), Übers. von Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2022); En. Metaphysics for Everyone; It. Sui sentieri della metafisica; Sp. ¿Qué es la metafísica? — Über die Materie als Potenz, ihr Verhältnis zur Form und die ontologische Hierarchie.