Die Erkenntnistheorie (vom griechischen epistēmē, „Erkenntnis“) ist der Zweig der Philosophie, der grundlegende Fragen zur Natur der Erkenntnis, zur Möglichkeit von Gewissheit und zu kognitiven Prozessen untersucht.

Insbesondere

Sie behandelt die Kriterien, die Glaube und Wissen, Meinung und rationale Rechtfertigung unterscheiden, und befragt die Legitimität wissenschaftlicher Methoden. Erkenntnistheorie erforscht die Bedingungen, unter denen eine Aussage als wahr, plausibel oder falsifizierbar gelten kann. Sie steht damit an der Schnittstelle von Logik, Sprachphilosophie und Wissenschaftsmethodologie.

Historisch beleuchtet sie die Entwicklung des Wissens: wie sich Paradigmen durchsetzen, andere verschwinden und welche Begriffsbrüche neue Rationalitätsformen ermöglichen. Wissen entsteht nicht durch bloße Anhäufung, sondern durch einen komplexen Prozess von Revolutionen und Rekonstruktionen.

Kritisch warnt sie vor zwei Extremen: Dogmatismus, der ein Wissensmodell absolut setzt, und Relativismus, der jede Objektivität leugnet. Sie sucht ein Gleichgewicht zwischen geschichtlicher Situiertheit und rationaler Geltung.

Die zeitgenössische Erkenntnistheorie erweitert ihr Feld auf die Kognitionswissenschaften, die Modellbildung und die Wissenschaftssoziologie, um zu verstehen, wie psychologische, soziale und technische Faktoren die Wissensproduktion beeinflussen. Sie beschreibt die Wissenschaft nicht nur, sondern analysiert ihre Möglichkeitsbedingungen, enthüllt Grenzen und untersucht Wege ihrer Überschreitung.

Weiterführend:

– Platon, Theaitetos
– René Descartes, Meditationen über die Erste Philosophie
– Karl Popper, Logik der Forschung
– Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen
– Gaston Bachelard, Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes
– Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang
– Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? (Amazon.de), Übers. von Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2021); En. Metaphysics for Everyone; It. Sui sentieri della metafisica; Sp. ¿Qué es la metafísica?