Eine Manifestation der Göttlichkeit in der geschaffenen Welt, nicht zu verwechseln mit der Inkarnation des Wortes Gottes.
Insbesondere
„Abstieg“ (aus dem Sanskrit) bezeichnet avatāra die Herabkunft oder Manifestation des Göttlichen in der geschaffenen Welt – menschlich, tierisch, pflanzlich oder mineralisch. Im Hinduismus meint der Begriff vor allem die Erscheinungen Viṣṇus, des Prinzips kosmischer Erhaltung, das in die Welt hinabsteigt, um das dharma, die universale Ordnung, wiederherzustellen, wenn sie durch Unordnung oder moralischen Verfall bedroht ist.
Obwohl die Inkarnation Christi diese allgemeine theophanische Dimension nicht ausschließt, ist sie wesentlich und radikal verschieden im metaphysischen Sinn. Nicht Gott als solcher wurde Fleisch, sondern das Wort; nicht die göttliche Natur nahm die menschliche an, sondern die Hypostase des Sohnes. Der Christus ist keine partielle Herabkunft des Göttlichen, sondern die hypostatische Vereinigung selbst – zwei Naturen, göttlich und menschlich, in einer einzigen Person. Diese erlösende Annahme der ganzen menschlichen Natur bildet das Mysterium der Inkarnation und übersteigt, ohne sie zu verneinen, die kosmische Perspektive des avatāra.
In der hinduistischen Tradition werden die avatāras Viṣṇus – gewöhnlich zehn (Daśāvatāra) – von Fisch (Matsya) und Schildkröte (Kūrma) bis zu Krishna und dem zukünftigen Kalki gezählt, der am Ende des gegenwärtigen Zyklus (Kali-Yuga) erscheinen wird. Diese Manifestationen sind zyklische Emanationen des ewigen Prinzips, das eine Form annimmt, um das Gleichgewicht der Welt wiederherzustellen. Der avatāra ist somit eine funktionale Theophanie, zeitlich begrenzt und vielfältig.
Im Christentum hingegen ist die Inkarnation einzig, endgültig und vollständig. Sie zielt nicht auf eine bloße Wiederherstellung der Ordnung, sondern auf die Vergöttlichung der menschlichen Natur durch ihre Vereinigung mit Gott in der Person Christi. Während der avatāra den periodischen Abstieg des Prinzips in die Manifestation symbolisiert, bedeutet die Inkarnation die ewige, unwiderrufliche Vereinigung des Göttlichen mit der Menschheit – nicht ein Abstieg, sondern eine Annahme.
Der avatāra stellt daher den Abstieg des Prinzips in die Manifestation dar, während die Inkarnation die Rückkehr der Manifestation zum Prinzip vollendet: ersterer gehört zur kosmischen Zyklizität, letztere zur metaphysischen Verklärung.
Weiterführende Literatur:
– Bhagavad-Gītā, IV, 7–8.
– Purāṇas (bes. Bhāgavata Purāṇa).
– Śaṅkara, Brahma-Sūtra-Bhāṣya, II, 1.
– Johannesevangelium, I, 14.
– Thomas von Aquin, Summa Theologica, III, q.2–q.6.
– René Guénon, Der Mensch und sein Werden nach dem Vedānta.
– Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? Übers. von Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2021); engl. Metaphysics for Everyone; ital. Sui sentieri della metafisica; span. ¿Qué es la metafísica? – über die metaphysische Unterscheidung zwischen dem kosmischen avatāra und der einzigartigen hypostatischen Inkarnation Christi.