In der Philosophie bezeichnet So-Sein das „So-sein“, das eigene, innere Wesen der Dinge – unabhängig von äußeren Erscheinungen oder begrifflicher Deutung. Es meint die Wirklichkeit in ihrer Unmittelbarkeit, vor jeder Interpretation oder Abstraktion.

Insbesondere

In den buddhistischen Traditionen des Mahāyāna, Zen und Chán wird dieses Prinzip mit dem Sanskrit-Wort tathatā ausgedrückt, wörtlich „So-heit“ oder „So-sein“. Sie bezeichnet nicht ein festes Wesen, sondern die unmittelbare Erkenntnis der Wirklichkeit, so wie sie ist, ohne Hinzufügung oder Wegnahme. In der Meditation heißt das, die Dualismen (Subjekt/Objekt, Gut/Böse, Sein/Nichtsein) zu überschreiten und das, was ist, in seiner bloßen Gegenwart anzunehmen. Tathatā ist eng mit der Erleuchtung (bodhi) verbunden – das Reale in seiner unbedingten Gegenwart zu schauen, jenseits von Ich und Denken.

In der abendländischen Philosophie erinnert dies an das Sein bei Parmenides, notwendig und unveränderlich, oder an die griechische alētheia als Unverborgenheit. Auch die Phänomenologie von Husserl und Heidegger teilt diese Bewegung: die Dinge „so wie sie sich zeigen“ zu beschreiben. Doch der Buddhismus geht weiter: er will nicht beschreiben, sondern das Wirkliche leben, jenseits des denkenden Subjekts.

Das So-Sein bildet somit eine Brücke zwischen Ost und West: zugleich philosophischer Begriff und geistige Erfahrung. Es lädt ein, die Welt in ihrer nackten Unmittelbarkeit zu sehen – vor jeder Deutung, wo sich das Wirkliche in seiner einfachsten Wahrheit zeigt: „es ist so.“

Weiterführende Literatur:

Prajñāpāramitā Hṛdaya Sūtra (Herz-Sutra).
Nāgārjuna, Mūlamadhyamakakārikā.
Śāntideva, Bodhicaryāvatāra, IX.
Eihei Dōgen, Shōbōgenzō, „Genjōkōan“.
Heidegger, Sein und Zeit.
Husserl, Cartesianische Meditationen.
Revel & Ricard, Der Mönch und der Philosoph.
Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? Übers. von Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2021); engl. Metaphysics for Everyone; ital. Sui sentieri della metafisica; span. ¿Qué es la metafísica? – über das So-Sein als unmittelbare metaphysische Gegenwart jenseits von Sein und Denken.