In der platonischen Philosophie steht der lógos am Ursprung der Welt und enthält in sich die ewigen und archaischen Ideen aller Dinge.
Im Christentum ist der Logos das Wort Gottes, „durch das alles geworden ist“ (Joh 1,1; Ps 33,9) und das „unter uns gewohnt hat“ (Joh 1,14).

Genauer gesagt

Der griechische Begriff lógos besitzt ein bemerkenswert weites Bedeutungsfeld:
Wort, Rede
Vernunft, Intellekt
Prinzip, Maß, Proportion
Gesetz, Ordnung

Daher seine zentrale Rolle in der Philosophiegeschichte.

Im Platonismus ist der lógos die intelligible Vermittlung zwischen dem höchsten Prinzip und der Welt.
Er ordnet die Vielheit gemäß den Ideen und ermöglicht dem Kosmos die Teilhabe an der transzendenten Rationalität.
Er ist somit das formale Prinzip, das die Wirklichkeit strukturiert und erkennbar macht.

In der stoischen Lehre bezeichnet der lógos das immanente rationale Prinzip der Welt, das einem subtilen Feuer gleicht und die gesamte Wirklichkeit durchdringt.
Der Kosmos ist ein lebendiges Wesen, beseelt durch den lógos spermatikós, die „Samenvernunft“, welche die Keime der zukünftigen Formen enthält.

Im christlichen Denken wird der Logos mit dem Sohn identifiziert (Joh 1,1–18).
Er ist nicht nur Ausdruck des göttlichen Denkens, sondern das subsistierende Wort, co-ewig mit dem Vater.
Die Welt ist durch Ihn und in Ihm geschaffen; Er ist das Prinzip der Erkennbarkeit der Welt und ihrer ontologischen Konsistenz.
Die Menschwerdung (Joh 1,14) offenbart den Abstieg des Logos in die menschliche Natur, die er annimmt und verklärt.

In der patristischen Tradition (Justin, Clemens von Alexandrien, Origenes) erscheint der Logos auch als universaler Logos (lógos spermatikós), ausgesät in allen vorchristlichen Weisheitstraditionen.

Metaphysisch ist der Logos das formale Prinzip:
— Vermittlung
— Intellekt
— Maß

Er verbindet das Eine mit der Vielheit und macht Erkenntnis möglich:
Erkenntnis des Sinns, des Seins, der Wahrheit.

In der traditionellen Hierarchie steht der Logos zwischen der ursprünglichen Einheit und der manifestierten Welt und wirkt als exemplarische Ursache und intelligible Norm.

Siehe den Artikel: „Vernunft und Verstand, die zwei Seiten des Geistes„, Teil 1.

Weiterführende Literatur

  • Platon, Timaios — Über den Demiurgen und die intelligiblen Urbilder.
  • Aristoteles, Metaphysik — Über die intelligible Vernunft und die formalen Ursachen.
  • Stoische Fragmente — Über den lógos spermatikós als immanentes rationales Prinzip.
  • Philo von Alexandrien, De opificio mundi — Über den Logos als Mittler zwischen Gott und Welt.
  • Johannesevangelium 1,1–18 — Über den Logos als schöpferisches und menschgewordenes Wort.
  • Justin der Märtyrer, Apologien — Über die „Samen des Wortes“ unter den Völkern.
  • Origenes, Contra Celsum — Über den universalen Logos und die Offenbarung.
  • Ps.-Dionysius Areopagita, Himmlische Hierarchie — Über Lichtprozession und intelligible Vermittlung.
  • Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? (Amazon.de); Übers. von Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2022); En. Metaphysics for Everyone; It. Sui sentieri della metafisica; Es. ¿Qué es la metafísica? — Über den Logos, seine metaphysische Bedeutung und seine Beziehung zur Intelligenz.