Unter dem Namen des heiligen Dionysius Areopagita wird traditionell der anonyme Verfasser einer Sammlung theologischer und mystischer Schriften bezeichnet, die wahrscheinlich zwischen dem Ende des 5. und dem Beginn des 6. Jahrhunderts entstanden sind. Entgegen einer lange verbreiteten Auffassung handelt es sich weder um den Dionysius, der in der Apostelgeschichte (17,34) erwähnt wird, durch den heiligen Paulus in Athen bekehrt wurde und nach der Tradition erster Bischof dieser Stadt war, noch um den heiligen Dionysius, den ersten Bischof von Paris und Märtyrer Galliens. Die moderne Forschung bezeichnet diesen Autor gewöhnlich als „Pseudo-Dionysius Areopagita“. Sein Werk zählt dennoch zu den Höhepunkten der christlichen Theologie und der geistigen Metaphysik.

Insbesondere

Das dionysische Corpus umfasst vier große Traktate – Die göttlichen Namen, Die mystische Theologie, Die himmlische Hierarchie und Die kirchliche Hierarchie – sowie eine Sammlung von Briefen. Diese Schriften haben sowohl auf das östliche als auch auf das westliche Christentum sowie auf die mittelalterliche Philosophie einen außerordentlichen Einfluss ausgeübt.

Die Originalität des Dionysius liegt in seiner Synthese von christlicher Offenbarung und bestimmten Kategorien des spätantiken Neuplatonismus, insbesondere bei Plotin und Proklos. Es handelt sich dabei nicht um eine bloße philosophische Anpassung, sondern um eine eigentliche Theologie der göttlichen Transzendenz. Gott wird als Quelle allen Seins, allen Lebens und aller Erkenntnis verstanden und bleibt zugleich unendlich jenseits von allem, was gedacht oder benannt werden kann.

Diese Transzendenz führte Dionysius zur Ausarbeitung der berühmten Unterscheidung zwischen bejahender (kataphatischer) und verneinender (apophatischer) Theologie. Die erstere schreibt Gott die in den Geschöpfen offenbar werdenden Vollkommenheiten zu – Güte, Weisheit, Schönheit, Leben und Sein. Die letztere erinnert daran, dass keiner dieser Namen Gott in der begrenzten Weise zukommt, in der wir ihn verstehen. Gott ist daher zugleich Sein und über dem Sein (hyperousios), erkennbar und unerkennbar, benennbar und unnennbar.

Die Mystische Theologie beschreibt einen geistlichen Weg, der über alle Vorstellungen und Begriffe hinausführt. Die Seele ist dazu berufen, schrittweise die sinnlichen Bilder und selbst die intellektuellen Begriffe hinter sich zu lassen, um in die „göttliche Finsternis“ einzutreten, in der Gott sich gerade als das offenbart, was sich jedem begrifflichen Zugriff entzieht. Diese höhere Unwissenheit ist kein Mangel an Erkenntnis, sondern die Überschreitung gewöhnlicher Erkenntnis in der kontemplativen Vereinigung.

Die von Dionysius beschriebenen Hierarchien sind nicht in erster Linie als Herrschaftsstrukturen zu verstehen, sondern als Ordnungen der Teilhabe und Weitergabe. Jede Wirklichkeit empfängt das göttliche Licht gemäß ihrer eigenen Fähigkeit und gibt es ihrerseits weiter. Der Kosmos erscheint so als eine große geordnete Theophanie, in der jede Ebene der Wirklichkeit etwas von dem Prinzip offenbart, aus dem sie hervorgeht.

Der Einfluss des Dionysius war immens. Durch die lateinische Übersetzung von Johannes Scotus Eriugena im 9. Jahrhundert wurde sein Werk zu einer wesentlichen Inspirationsquelle der mittelalterlichen Theologie, insbesondere für Hugo von Sankt Viktor, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Bonaventura und Meister Eckhart. Seine Lehre prägte ebenso die östliche Spiritualität, insbesondere die hesychastische Tradition und die Theologie der Vergöttlichung (theosis).

Aus metaphysischer Sicht bleibt Dionysius einer der bedeutendsten Zeugen der Lehre, dass jede echte Gotteserkenntnis zugleich Bejahung und Verneinung, Gegenwart und Transzendenz, Symbol und Wirklichkeit umfasst. Sein Werk stellt eine der vollkommensten Ausprägungen der kontemplativen christlichen Weisheit dar.

Weiterführende Literatur

  • Dionysius Areopagita, Die göttlichen Namen;
  • Dionysius Areopagita, Die mystische Theologie;
  • Dionysius Areopagita, Die himmlische Hierarchie;
  • Dionysius Areopagita, Die kirchliche Hierarchie;
  • Johannes Scotus Eriugena, Kommentar zur himmlischen Hierarchie;
  • Thomas von Aquin, Kommentar zu den göttlichen Namen;
  • Vladimir Lossky, Die mystische Theologie der Ostkirche;
  • Jean Borella, Die Krise der religiösen Symbolik (La crise du symbolisme religieux);
  • Jean Borella, Der Sinn des Übernatürlichen (Le sens du surnaturel);
  • Bruno Bérard, Was ist Theologie;
  • Bruno Bérard, Das geistliche Leben.