Advaita Vedānta („das nicht-duale Ende der Veden“) ist eine der bedeutendsten Schulen der hinduistischen Philosophie. In seiner klassischen Form wurde es von Śaṅkara (8. Jahrhundert) systematisiert. Es lehrt die grundlegende Nicht-Dualität von Ātman (dem Selbst) und Brahman (dem Absoluten). Nach dieser Lehre ist die Vielheit der Welt keine letzte Wirklichkeit, sondern eine bedingte Manifestation, deren scheinbare Getrenntheit auf Unwissenheit (avidyā) beruht.

Insbesondere

Der Begriff advaita bedeutet wörtlich „nicht-zwei“. Damit wird nicht eine numerische Einheit im Gegensatz zur Vielheit behauptet, sondern vielmehr verneint, dass die Dualität eine absolute Wirklichkeit besitzt. Advaita lehrt, dass die letzte Wirklichkeit einzig, unendlich und unteilbar ist: Brahman. Alles, was von Ihm verschieden zu sein scheint, besitzt lediglich eine relative oder bedingte Wirklichkeit.

Diese Lehre stützt sich vor allem auf die Upaniṣaden, die Bhagavad-Gītā und die Brahma-Sūtras, die zusammen die drei schriftlichen Grundlagen (prasthāna-traya) des Vedānta bilden. Zu den berühmten mahāvākyas („großen Aussprüchen“) der Upaniṣaden gehört insbesondere tat tvam asi („Das bist du“), das die tiefe Identität zwischen dem individuellen Selbst und dem Absoluten ausdrückt.

Nach dem Advaita hält sich der Mensch für begrenzt, weil er sich mit dem Körper, dem Geist und den Bedingungen seiner individuellen Existenz identifiziert. Dieser grundlegende Irrtum bildet die metaphysische Unwissenheit (avidyā). Die Befreiung (moka) besteht daher nicht darin, etwas Neues zu erwerben, sondern darin, das zu erkennen, was immer schon wahr war: die Identität von Ātman und Brahman.

Die Erscheinungswelt wird häufig als māyā bezeichnet. Dieser Begriff bedeutet nicht einfach „Illusion“ im Sinne völliger Nichtexistenz, sondern vielmehr eine relative, bedingte und vergängliche Wirklichkeit. Die Welt erscheint und besitzt eine gewisse empirische Realität, doch nicht die absolute Wirklichkeit Brahmans. Der Advaita unterscheidet daher verschiedene Ebenen der Wirklichkeit und vermeidet sowohl einen naiven Realismus als auch einen Nihilismus.

Der Weg der Erkenntnis (jñāna-mārga) nimmt einen zentralen Platz ein. Durch das Hören der traditionellen Lehre (śravaa), das reflektierende Nachdenken (manana) und die vertiefende Kontemplation (nididhyāsana) wird der Schüler über die Identifikation mit dem Ego hinausgeführt und zur Erkenntnis seiner wahren Natur geleitet. Diese Erkenntnis ist nicht bloß intellektuell, sondern eine unmittelbare Verwirklichung dessen, was ist.

Advaita Vedānta hat die indische Spiritualität tief geprägt und zahlreiche Dialoge mit westlichen metaphysischen Traditionen angeregt. Mehrere Vertreter der traditionalistischen Schule, insbesondere René Guénon und Frithjof Schuon, betrachteten es als eine der strengsten Formulierungen der reinen Metaphysik. Die Identität von Ātman und Brahman darf jedoch nicht als Vermischung der Wirklichkeitsebenen verstanden werden, sondern als Anerkennung ihrer prinzipiellen Einheit jenseits aller Dualität.

Aus vergleichender Sicht weist der Advaita gewisse Verwandtschaften mit dem Neuplatonismus, der apophatischen Theologie und der christlichen Mystik auf, bewahrt jedoch seine eigene Sprache und seine eigenen begrifflichen Kategorien. Er bleibt eine der vollkommensten Ausprägungen der Lehre von der Nicht-Dualität.

Weiterführende Literatur

  • Upaniaden;
  • Bhagavad-Gītā;
  • Brahma-Sūtras;
  • Śaṅkara, Vivekacūāmai;
  • Śaṅkara, Kommentar zu den Brahma-Sūtras;
  • Ananda K. Coomaraswamy, Hinduismus und Buddhismus;
  • René Guénon, Der Mensch und sein Werden nach dem Vedānta (L’Homme et son devenir selon le Vêdânta);
  • Frithjof Schuon, Den Islam verstehen (Comprendre l’Islam);
  • Jean Herbert, Hinduistische Spiritualität (Spiritualité hindoue);
  • Jean Borella, Die Krise der religiösen Symbolik (La crise du symbolisme religieux);
  • Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? Zwischen Ambition und Wirklichkeit (dt. Übers. von Métaphysique pour tous, Paris, L’Harmattan, 2021).