Der Begriff Weltanschauung (von Welt und Anschauung) bezeichnet eine umfassende Auffassung der Welt, des Menschen und der Wirklichkeit. Er verweist auf die Gesamtheit der Überzeugungen, Prinzipien, Werte und Vorstellungen, durch die ein Individuum, eine Kultur oder eine Epoche die Existenz deutet. Eine Weltanschauung bildet somit einen umfassenden Deutungsrahmen, der Denken, Handeln und Urteilen orientiert.

Insbesondere

Der Begriff erscheint in der neuzeitlichen deutschen Philosophie und verbreitet sich insbesondere seit dem 19. Jahrhundert. Er findet sich bereits bei Kant und wird von den romantischen und idealistischen Denkern weiterentwickelt. Für sie bezeichnet eine Weltanschauung nicht bloß eine intellektuelle Theorie, sondern eine umfassende Weise, in der Welt zu sein und ihren Sinn zu verstehen.

Eine Weltanschauung umfasst gewöhnlich implizite oder explizite Antworten auf grundlegende Fragen: Was ist Wirklichkeit? Welchen Platz nimmt der Mensch im Universum ein? Gibt es eine höhere Ordnung oder einen letzten Zweck? Was sind das Gute, die Wahrheit oder das Glück? Jede Zivilisation, Religion und große geistige Tradition kann als Trägerin einer bestimmten Weltanschauung beschrieben werden.

Der Begriff wurde in den Geistes- und Sozialwissenschaften häufig verwendet, um kollektive Denksysteme zu analysieren. Wilhelm Dilthey etwa unterschied verschiedene Formen von Weltanschauungen, die unterschiedlichen Grundhaltungen zum Dasein entsprechen. Später griffen Soziologie, Ideengeschichte und Anthropologie den Begriff auf, um kulturelle und religiöse Vorstellungen zu untersuchen.

Dennoch bleibt die Idee der Weltanschauung wesentlich ein Produkt der Moderne. Sie neigt dazu, religiöse, philosophische und metaphysische Lehren als verschiedene Weltanschauungen unter anderen zu betrachten. Dieser Ansatz fördert zwar ein vergleichendes Verständnis der Kulturen, kann jedoch auch zu einer gewissen Form des Relativismus führen, indem er sehr unterschiedliche Denksysteme auf dieselbe Ebene stellt.

Aus diesem Grund haben mehrere traditionalistische und metaphysische Denker den allgemeinen Gebrauch des Begriffs kritisiert. René Guénon etwa lehnte es ab, eine metaphysische Lehre auf eine bloße Weltanschauung zu reduzieren. Nach seiner Auffassung bleibt eine Weltanschauung an eine bestimmte menschliche und historische Perspektive gebunden, während die Metaphysik auf universale und überindividuelle Prinzipien abzielt, die jede kulturelle oder psychologische Bedingtheit übersteigen.

Aus dieser Perspektive ergibt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen Metaphysik und Weltanschauung. Eine Weltanschauung ordnet die menschliche Erfahrung von einem bestimmten Standpunkt aus; die Metaphysik im traditionellen Sinne sucht hingegen die Erkenntnis der Prinzipien, die jeder möglichen Erfahrung zugrunde liegen. Die erste gehört vor allem zur Ordnung der Vorstellung, die zweite zur Ordnung der intellektuellen Einsicht in die Prinzipien.

Dennoch behält der Begriff einen gewissen beschreibenden Nutzen. Er hilft zu verstehen, wie Menschen ihrem Dasein Sinn verleihen und wie zusammenhängende Glaubens- und Denksysteme individuelles und kollektives Verhalten beeinflussen. Zugleich macht er deutlich, dass kein Denken in einem kulturellen oder historischen Vakuum entsteht.

Aus metaphysischer Sicht bleibt die Frage offen, ob jedes Wissen auf eine Weltanschauung reduziert werden kann oder ob bestimmte Wahrheiten die historischen und kulturellen Rahmenbedingungen übersteigen, durch die sie ausgedrückt werden. Die Diskussion um diesen Begriff berührt daher unmittelbar das Verhältnis von Wahrheit, Kultur und Universalität.

Die Weltanschauung erscheint somit als ein wertvoller Begriff für die Erforschung von Mentalitäten und Denksystemen, dessen Reichweite jedoch sorgfältig bestimmt werden muss, damit Metaphysik, Offenbarung oder prinzipielle Erkenntnis nicht auf bloße historische Konstruktionen reduziert werden.

Weiterführende Literatur

  • Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft;
  • Wilhelm Dilthey, Weltanschauungslehre;
  • Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes;
  • Karl Jaspers, Psychologie der Weltanschauungen;
  • Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik;
  • René Guénon, Allgemeine Einführung in das Studium der hinduistischen Lehren;
  • Frithjof Schuon, Den Islam verstehen;
  • Jean Borella, Die Krise des religiösen Symbolismus (La crise du symbolisme religieux);
  • Jean Borella, Jean Borella, die metaphysische Revolution (Jean Borella, la Révolution métaphysique);
  • Bruno Bérard, Métaphysique du paradoxe;
  • Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? Zwischen Ambition und Wirklichkeit (dt. Übers. von Métaphysique pour tous, Paris, L’Harmattan, 2021; engl. Übers. Metaphysics for Everyone; ital. Übers. Sui sentieri della metafisica; span. Übers. ¿Qué es la metafísica?).

Anmerkung: Obwohl Weltanschauung häufig mit „Weltbild“ oder „Weltsicht“ übersetzt wird, besitzt der Begriff eine weiterreichende Bedeutung. Er bezeichnet nicht nur eine intellektuelle Vorstellung der Wirklichkeit, sondern auch eine umfassende existenzielle und kulturelle Orientierung. Aus der Sicht der traditionellen Metaphysik ist jedoch darauf zu achten, eine Weltanschauung nicht mit einer Prinzipienlehre zu verwechseln: Die erste ist eine Weise, die Welt zu sehen, die zweite beansprucht Erkenntnis dessen, was die Welt selbst begründet.