Die Gnosis (gr. gnôsis: „Erkenntnis“) ist im christlichen Sprachgebrauch mystische Theologie: eine nicht-modale Weise der Gemeinschaft mit dem Geheimnis. Sie übersteigt jede spekulative Erkenntnis und ist Teilhabe, durch Gnade, an der Erkenntnis, die Gott von sich selbst hat.

Genauer gesagt

ist die Gnosis keine diskursive, auf Argumentation gegründete Erkenntnis, sondern eine unmittelbare, über-intellektuelle Erkenntnis, in der das Subjekt Gott nicht von außen „lernt“, sondern durch Teilhabe zum Mit-Erkennenden Gottes von Gott wird. Sie setzt eine reale (wenn auch nicht substantielle) Vereinigung des menschlichen Intellekts mit dem ungeschaffenen Licht voraus; diese Vereinigung ist weder Verschmelzung noch Verwechslung, sondern eine Mitteilung des Aktes: Der geschaffene Intellekt wird am göttlichen Erkennen teilhaftig. Wahre Gnosis ist daher nicht Gelehrsamkeit, sondern innere Erleuchtung.

Historisch hat der Begriff, besonders nach den ersten Jahrhunderten des Christentums, eine doppeldeutige Bedeutung angenommen: Er kann sowohl die wahre mystische Erkenntnis bezeichnen, die von Gott empfangen wird, als auch die heterodoxen Lehren – die verschiedenen „Gnostizismen“ –, die die Erlösung durch ein geheimes Wissen nur für Eingeweihte lehrten. Die christliche Tradition unterscheidet daher klar zwischen der wahren Gnosis, einer Gnadengabe im Leben der Kirche, und dem historischen Gnostizismus, der die Erlösung als Befreiung aus einer bösen Welt durch esoterische Erkenntnis versteht. So sagt Klemens von Alexandrien: „Der wahre Gnostiker ist der wahre Christ.“

In der wahren Gnosis entspringt die Erkenntnis einer ontologischen Verwandlung: Sie erfordert die Reinigung des Herzens, die Erleuchtung des Intellekts (nous) sowie die Vergöttlichung (theôsis). Die Seele, durchsichtig gemacht für das Göttliche, erkennt nicht durch Vorstellung, sondern durch Gegenwart; nicht durch Begriffe, sondern durch Teilnahme. Gnosis ist daher der Akt, durch den der Intellekt — mit der Gnade vereint — Gott in Gott empfängt und in Ihm erkennt, was anders nicht erkennbar wäre.

Gnosis ist somit die Erfüllung der Erkenntnis: keine Verneinung der spekulativen Theologie, sondern deren Überstieg in der theophanischen Erfahrung. Sie bezeugt, dass die letzte Wahrheit kein zu analysierender Gegenstand ist, sondern ein Leben, an dem man teilhat.


Weiterführende Literatur

  • Klemens von Alexandrien, Stromateis, VII, 10–16; Hg. M. Caster, Paris, Cerf, 1951 — Zur wahren Gnosis als Vollendung des christlichen Lebens.
  • Ps.-Dionysius Areopagita, Mystische Theologie; Übers. M. de Gandillac, Paris, Aubier, 1943 — Zur apophatischen Erkenntnis, Zugang zu Gott jenseits aller Modalität.
  • Gregor von Nyssa, Das Leben des Moses; Übers. J. Daniélou, Paris, Cerf, 1955 — Zur Aufstiegserfahrung in die leuchtende Dunkelheit.
  • Evagrios Pontikos, Kephalaia Gnostica; Hg. A. Guillaumont, Paris, Cerf, 1958 — Zur Reinigung des nous und zur geistlichen Wissenschaft.
  • Maximos der Bekenner, Ambigua; Hg. N. Constas, Harvard-DOP, 2014 — Zur Teilhabe an den logoi und zur Vergöttlichung.
  • Pseudo-Makarios, Geistliche Homilien; Übers. J.-M. Leroux, Paris, Cerf, 1995 — Zur inneren Verwandlung und zur Erleuchtung des Herzens.
  • Johannes Scottus Eriugena, Periphyseon (De divisione naturae), I-V; Hg. É. Jeauneau, Paris, Cerf, 1995 — Zur Erkenntnis als Teilhabe am Wort.
  • Seyyed Hossein Nasr, Knowledge and the Sacred, Albany, SUNY Press, 1989 — Zur Gnosis als heilbringender Erkenntnis und Weg der Vergöttlichung.
  • Bruno Bérard, Was ist Metaphysik? (Amazon.de); Übers. von Métaphysique pour tous (Paris, L’Harmattan, 2022); engl. Metaphysics for Everyone; ital. Sui sentieri della metafisica; esp. ¿Qué es la metafísica? — Zur Gnosis als Teilhabe an der göttlichen Erkenntnis, jenseits der Diskursivität, und als Erfüllung des Intellekts in seiner prinzipiellen Dimension.