Jean Borella (geb. 1930) ist ein französischer Philosoph, Metaphysiker und christlicher Denker, dessen Werk eine der bedeutendsten zeitgenössischen Erneuerungen der traditionellen Metaphysik und der symbolischen Theologie darstellt. Als Erbe der philosophia perennis, ohne auf eine bestimmte Schule reduzierbar zu sein, entwickelte er eine originelle Synthese aus Platonismus, christlicher Theologie, Symbolismus und metaphysischer Gnosis. Sein Werk zielt darauf ab, die Verständlichkeit der Offenbarung wiederherzustellen, indem es zeigt, dass Glaube und metaphysische Intelligenz einander nicht widersprechen, sondern gegenseitig erhellen.

Insbesondere

Jean Borella wurde 1930 in Nancy geboren und lehrte viele Jahre Philosophie, bevor er sich zunehmend der theologischen und metaphysischen Forschung widmete. Sein Denken steht an der Schnittstelle mehrerer großer Traditionen: des Platonismus, des Neuplatonismus, der Patristik, der Scholastik, der christlichen Mystik sowie der von René Guénon und Frithjof Schuon vertretenen philosophia perennis. Während er den Wert dieser Autoren anerkennt, entwickelte Borella einen Ansatz, der tief im christlichen Mysterium verwurzelt ist.

Im Zentrum seines Werkes steht die Überzeugung, dass die moderne Krise vor allem eine Krise der Intelligenz und des Symbolismus ist. Die Moderne hat allmählich die Fähigkeit verloren, den geistigen Sinn der Wirklichkeit wahrzunehmen und Symbole als echte Vermittlungen zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem zu verstehen. Dieser Verlust liegt dem zugrunde, was Borella als die „Krise des religiösen Symbolismus“ bezeichnet – eine der Hauptursachen der gegenwärtigen geistigen Orientierungslosigkeit.

Für Borella ist das Symbol weder ein bloß konventionelles Zeichen noch ein poetisches Bild. Es besitzt vielmehr eine ontologische Grundlage: Es nimmt wirklich an dem teil, was es bezeichnet. Der Kosmos selbst ist symbolisch, weil er von Gott geschaffen wurde und auf seine Weise die göttlichen Wirklichkeiten offenbart, aus denen er hervorgeht. Der Symbolismus gehört daher nicht nur zur Sprache oder Kultur, sondern zur Struktur des Seins selbst.

Eines der Hauptthemen seines Denkens ist die Unterscheidung und Verbindung von Vernunft und Intellekt. In der Nachfolge Platons, Aristoteles’, der Kirchenväter und des heiligen Thomas von Aquin unterscheidet er die diskursive Vernunft vom Intellekt, der zu einer unmittelbaren Einsicht in die Prinzipien fähig ist. Die Metaphysik ist daher keine abstrakte spekulative Konstruktion, sondern die Wissenschaft der höchsten Wirklichkeit, gegründet auf die natürliche Fähigkeit des Geistes, das Absolute zu erkennen.

Diese Perspektive führt Borella dazu, den Begriff der Gnosis neu zu rehabilitieren – nicht als eine dem Christentum entgegengesetzte esoterische Lehre, sondern als die innere Erkenntnis des Glaubens selbst. Die wahre christliche Gnosis ist das kontemplative Verständnis der geoffenbarten Wahrheit, untrennbar verbunden mit der Liebe und dem geistlichen Leben. Die Theologie findet so ihre Vollendung in der Kontemplation.

Jean Borella widmete zudem bedeutende Studien der Schönheit, der Liturgie, dem Symbolismus, der Esoterik, der Schöpfungslehre, dem Verhältnis von Glauben und Wissen sowie der metaphysischen Bedeutung der großen religiösen Traditionen. Durch sein gesamtes Werk hindurch erinnert er daran, dass das Christentum nicht lediglich eine Moral oder historische Religion ist, sondern die Offenbarung der letzten Struktur der Wirklichkeit.

Sein Einfluss ist unter Philosophen, Theologen und Forschern, die sich für das traditionelle Denken interessieren, stetig gewachsen. Durch die Wiederverknüpfung von Metaphysik, Symbolismus und Spiritualität hat Jean Borella einige der tiefgründigsten Antworten auf die intellektuellen und religiösen Krisen der modernen Welt gegeben.

Aus metaphysischer Sicht erscheint Borella als einer der wichtigsten zeitgenössischen Zeugen der bleibenden Berufung der Philosophie: der Suche nach Weisheit durch die Vereinigung von Intelligenz, Kontemplation und Glauben. Sein Werk bleibt ein grundlegender Beitrag zur Erneuerung der christlichen Metaphysik im 21. Jahrhundert.

Weiterführende Literatur

  • Jean Borella, Die Krise des religiösen Symbolismus (La crise du symbolisme religieux);
  • Jean Borella, Der Sinn des Übernatürlichen (Le sens du surnaturel);
  • Jean Borella, Guénon’scher Esoterismus und das christliche Mysterium (Ésotérisme guénonien et mystère chrétien);
  • Jean Borella, Symbolismus und Wirklichkeit (Symbolisme et Réalité);
  • Jean Borella, Probleme der Gnosis (Problèmes de gnose);
  • Platon, Der Staat;
  • S. Dionysius Areopagita, Die mystische Theologie;
  • Bruno Bérard, Jean Borella, die metaphysische Revolution (Jean Borella, la Révolution métaphysique);
  • Bruno Bérard u. Paul Ducay, Jean Borella für all (Jean Borella pour tous).